Forschung
Retatrutid-Phase-3: Bis zu 28,7 % Gewichtsverlust
Eli Lillys Triple-Agonist Retatrutid erzielt in den Phase-3-TRIUMPH-Studien einen Gewichtsverlust von bis zu 28,3 % - der höchste je in einer Phase-3-Studie gemessene Wert.
Retatrutid ist ein neuartiger, einmal pro Woche unter die Haut gespritzter Wirkstoff von Eli Lilly. Er imitiert gleichzeitig drei körpereigene Hormone, die Hunger und Blutzucker regulieren - daher die Bezeichnung Triple-Agonist (ein Wirkstoff, der drei Hormon-Andockstellen im Körper gleichzeitig aktiviert). In seinen finalen Phase-3-Studien (der letzten und größten Testphase an Patienten, bevor ein Wirkstoff bei einer Behörde zur Zulassung eingereicht werden kann) hat er die bislang stärkste Gewichtsreduktion gezeigt, die je in einer randomisierten Phase-3-Studie (Studie, in der Teilnehmer per Zufall der Wirkstoff- oder Placebogruppe zugeteilt werden - das gilt als Goldstandard für aussagekräftige Ergebnisse) eines Inkretin-basierten Triple-Agonisten (Wirkstoff, der gleichzeitig auf die drei Inkretin-Hormone GLP-1, GIP und Glucagon einwirkt - verwandt mit Ozempic, Wegovy und Mounjaro) gemessen wurde. Die Ergebnisse aus Dezember 2025 und Mai 2026 markieren einen Meilenstein in der Adipositas-Forschung.
Welche konkreten Ergebnisse liefern die TRIUMPH-Studien?
Die TRIUMPH-1-Studie (Mai 2026) umfasste 2.339 Teilnehmer mit Adipositas oder Übergewicht. Nach 80 Wochen verloren Probanden unter 12 mg Retatrutid wöchentlich durchschnittlich 28,3 % ihres Körpergewichts (ca. 31,9 kg), unter 9 mg waren es 25,9 % und unter 4 mg 19,0 %. Die Placebogruppe verlor lediglich 2,2 %. Bereits im Dezember 2025 zeigte TRIUMPH-4 bei Teilnehmern mit Knie-Osteoarthritis einen Gewichtsverlust von 28,7 % sowie eine Reduktion der Knieschmerzen um 75,8 % (gemessen per WOMAC-Score - einem standardisierten Fragebogen, mit dem Ärzte Arthrose-Schmerzen und Bewegungseinschränkungen im Knie messen). Mehr als jeder achte Patient war am Ende der Studie völlig schmerzfrei.
Welche weiteren Endpunkte wurden erreicht?
Über den Gewichtsverlust hinaus erreichte Retatrutid auch bei weiteren vorab festgelegten Studienzielen deutliche Verbesserungen:
- Prädiabetes-Rückbildung: 72 % der Betroffenen normalisierten ihren Blutzuckerstatus. Prädiabetes bezeichnet das Vor-Stadium des Typ-2-Diabetes: der Blutzucker ist bereits erhöht, aber noch nicht im Diabetes-Bereich.
- LDL-Cholesterin: Senkung um rund 20 %. LDL ist umgangssprachlich das „schlechte" Cholesterin, das Ablagerungen in den Blutgefäßen fördert.
- Leberverfettung: In einer Phase-2-Verlängerung (einer an eine frühere, kleinere Studie angeschlossenen Fortsetzungsphase) erreichten 93 % der Teilnehmer unter 12 mg eine Normalisierung des Leberfettgehalts nach 48 Wochen.
- Typ-2-Diabetes (TRANSCEND-T2D-1): HbA1c-Senkung um 1,7-2,0 %. HbA1c ist der Langzeit-Blutzuckerwert und spiegelt die Blutzuckereinstellung der letzten ca. zwei bis drei Monate wider - die zentrale Messgröße für Diabetiker. Der Gewichtsverlust betrug 16,8 % (ca. 16,6 kg) nach 40 Wochen.
Wie ist das Nebenwirkungsprofil?
Die häufigsten Nebenwirkungen waren gastrointestinale Ereignisse (also Magen-Darm-Beschwerden wie Übelkeit, Erbrechen und Durchfall), typisch für GLP-1-Agonisten. Die Abbruchrate aufgrund von Nebenwirkungen lag bei 11,3 % unter 12 mg, 6,9 % unter 9 mg und 4,1 % unter 4 mg (Placebo: 4,9 %). Dysästhesien (ungewöhnliche Hautempfindungen wie Kribbeln oder Taubheitsgefühle) traten unter 12 mg bei 12,5 %, unter 9 mg bei 12,3 % und unter 4 mg bei 5,1 % der Teilnehmer auf (Quelle: Lilly-Pressemitteilung und Phase-2-Studie, NEJM 2023). Sie waren meist mild und führten selten zum Abbruch, werden in Fachkommentaren jedoch ausdrücklich als neuartiges, für Retatrutid typisches Sicherheitssignal hervorgehoben.
Wann ist mit einer Zulassung zu rechnen?
Retatrutid ist weder von der FDA (US-Zulassungsbehörde) noch von der EMA (europäische Zulassungsbehörde) zugelassen. Ein NDA-Antrag (New Drug Application, der formelle US-Zulassungsantrag) bei der FDA wird für das 4. Quartal 2026 erwartet, eine Entscheidung realistischerweise frühestens 2027. Weitere Ergebnisse aus sieben Phase-3-Studien (sogenannte Readouts, also die Veröffentlichung der jeweiligen Studienergebnisse) sind für 2026 angekündigt, darunter Studien zu obstruktiver Schlafapnoe (nächtliche Atemaussetzer, die durch verengte oder blockierte Atemwege im Rachen entstehen - sehr häufig bei starkem Übergewicht) und MASLD (metabolische Fettlebererkrankung, also eine durch Stoffwechselstörungen verursachte Fetteinlagerung in der Leber).
Für wen ist das interessant?
Wer aktuell mit starkem Übergewicht oder Typ-2-Diabetes lebt und mit bestehenden GLP-1-Medikamenten wie Wegovy oder Mounjaro nicht ausreichend abnimmt, könnte von Retatrutid künftig profitieren - vorausgesetzt, die Studien werden zur Zulassung geführt und das Medikament ist verträglich. Bis dahin bleibt Retatrutid jedoch ausschließlich Forschung.
Ausführliche Informationen zum Wirkmechanismus und zur Evidenzstufe findest du auf der Retatrutid-Peptidseite. Einen Vergleich mit dem dualen Agonisten Tirzepatid bietet der Tirzepatid-Artikel.
Keine medizinische Beratung. Dieser Artikel dient ausschließlich der Information über den aktuellen Stand der klinischen Forschung. Retatrutid ist kein zugelassenes Arzneimittel und sollte nicht ohne ärztliche Aufsicht verwendet werden.
Quellen
Keine medizinische Beratung.