Was ist Tesamorelin?
Tesamorelin (bekannt unter den Handelsnamen Egrifta, Egrifta SV und seit 2025 Egrifta WR) ist ein synthetisches Peptidhormon und ein stabiler Verwandter des menschlichen Wachstumshormon-Releasing-Faktors (GHRH). Es ist das erste und einzige verschreibungspflichtige Medikament, das speziell für die Reduktion von krankhaftem, tiefliegendem Bauchfett bei HIV-Patienten mit Fettverteilungsstörungen (Lipodystrophie) zugelassen wurde [1][6].
HIV-Patienten leiden oft unter Lipodystrophie. Bei dieser Fettverteilungsstörung sammelt sich gefährlich viel Eingeweidefett (viszerales Fett) an. Das kann zu Stoffwechselkomplikationen führen, etwa zu Insulinresistenz und erhöhten Blutfettwerten. Tesamorelin greift hier gezielt ein: Es regt die körpereigene Wachstumshormonausschüttung an, die wiederum den Fettabbau fördert - bevorzugt im viszeralen Bereich.
Wie wird Tesamorelin angewendet?
Tesamorelin wird ausschließlich subkutan (unter die Haut) injiziert, typischerweise in die Bauchdecke. Die Injektionsstelle sollte täglich gewechselt werden, um Hautreizungen zu vermeiden [1].
Der evidenzbelegte und zugelassene Anwendungsweg ist die subkutane Injektion. Es gibt drei FDA-zugelassene Formulierungen, die sich in Vial-Größe, Rekonstitution und Tagesdosis unterscheiden:
| Formulierung | Vial-Größe | Tagesdosis | Rekonstitution | Zugelassen seit |
|---|---|---|---|---|
| Egrifta (Original) | 2 x 1 mg | 2 mg | jeweils 2,2 mL steriles Wasser | 2010 |
| Egrifta SV | 1 x 2 mg | 1,4 mg (0,35 mL) | 0,5 mL steriles Wasser | 2018 |
| Egrifta WR | 1 x 11,6 mg | 1,28 mg (0,16 mL) | laut Hersteller-Anleitung | 2025 |
Die Studien, auf denen die Zulassung basiert (LIPO-010, CTR-1011), verwendeten 2 mg täglich subkutan über 26 Wochen [4]. Die neueren Formulierungen (SV, WR) liefern niedrigere Wirkstoffmengen pro Injektion, sind aber untereinander nicht austauschbar [1].
Im Graumarkt (Forschungs-Vials) wird Tesamorelin ebenfalls subkutan injiziert, typischerweise mit BAC-Wasser (bakteriostatischem Wasser) rekonstituiert. Diese Praxis ist unbelegt und nicht zugelassen - sie entspricht keiner klinischen Studien- oder Zulassungsrealität.
Vom Vial zur Anwendung: Rekonstitution und Dosis berechnen
Tesamorelin wird als lyophilisiertes Pulver (gefriergetrocknet) geliefert und muss vor der Injektion mit einem Lösungsmittel aufgelöst (rekonstituiert) werden. Im zugelassenen Produkt wird steriles Wasser für Injektionen mitgeliefert [1].
Beispielrechnung Egrifta SV (zugelassenes Produkt):
- Vial: 2 mg Tesamorelin als Pulver
- Rekonstitution: 0,5 mL steriles Wasser -> Konzentration = 4 mg/mL
- Tagesdosis: 1,4 mg -> 1,4 mg / 4 mg/mL = 0,35 mL
- Auf einer U-100 Insulinspritze: 0,35 mL = 35 Strich (Einheiten)
- Die Lösung muss sofort verwendet und Reste verworfen werden [1]
Beispielrechnung Forschungs-Vial 2 mg (unbelegte Anwender-Praxis):
- Vial: 2 mg Tesamorelin als Pulver
- Rekonstitution: 2 mL BAC-Wasser -> Konzentration = 1 mg/mL
- Angestrebte Dosis: 2 mg -> 2 mg / 1 mg/mL = 2,0 mL
- Auf einer U-100 Insulinspritze: 2,0 mL = 200 Strich (Einheiten) - das entspricht zwei vollen 1-mL-Spritzen
Diese Graumarkt-Praxis ist nicht belegt und wird hier nur dokumentiert, nicht empfohlen. Wenn du mit einem Vial arbeitest und die Dosis berechnen möchtest, hilft dir der Injektions-Rechner weiter. Allgemeine Hinweise zum Anmischen und Lagern findest du in den Anleitungen.
Wie wirkt Tesamorelin?
Tesamorelin funktioniert wie ein Botenstoff, der der Hirnanhangsdrüse signalisiert, mehr körpereigenes Wachstumshormon auszuschütten. Es ist ein synthetisches 44-Aminosäuren-Peptid und entspricht dem menschlichen GHRH (Wachstumshormon-Releasing-Hormon). Um einen schnellen enzymatischen Abbau im Körper zu verhindern, wurde am vorderen Ende des Moleküls (dem sogenannten N-Terminus) eine spezifische trans-3-Hexensäure-Einheit angehängt, die das Molekül stabilisiert.
Es bindet an GHRH-Rezeptoren im vorderen Teil der Hirnanhangsdrüse (Hypophysenvorderlappen) und stimuliert dort die natürliche, pulsatile Freisetzung von körpereigenem Wachstumshormon (GH). Dieses GH regt wiederum die Leber zur Produktion von IGF-1 an, welches den Fettabbau - bevorzugt im viszeralen Bauchfett - fördert.
Wie wirksam ist Tesamorelin?
Die Zulassungsstudien (LIPO-010 und CTR-1011) mit über 800 HIV-Patienten zeigten über 26 Wochen eine Reduktion des viszeralen Bauchfetts um ca. 15-18 % (etwa 26 cm² in absoluten Zahlen) gegenüber Placebo [4][6]. Zudem zeigten sich positive Effekte auf die Blutfettwerte und das Leberfett.
Eine Metaanalyse von fünf randomisierten kontrollierten Studien (Stand 2026) bestätigte diese Ergebnisse: signifikante Reduktionen von viszeralem Fettgewebe (-27,71 cm²), Rumpffett (-1,18 kg), Leberfettanteil (-4,28 %) und Taillenumfang (-1,61 cm) im Vergleich zu Placebo [2]. Eine 2024 veröffentlichte Studie an Patienten unter Integrase-Inhibitoren (einer modernen HIV-Medikamentenklasse) bestätigte die Wirksamkeit auch unter dieser Therapieform [3].
Für die reine Gewichtsabnahme (Weight Loss) bei adipösen Patienten ohne HIV ist Tesamorelin explizit nicht zugelassen [1].
Dosierung: was die Studien zeigen - und der Verlauf
In den klinischen Studien (LIPO-010, CTR-1011) wurde Tesamorelin in einer Dosis von 2 mg als subkutane Injektion im Bauchbereich verabreicht [4]. Die Injektionen wurden von den Patienten selbst appliziert. Es gibt keine Aufdosierung (Titration) - die volle Dosis wird ab dem ersten Tag gegeben.
Die aktuelle FDA-Zulassung umfasst drei Formulierungen mit unterschiedlichen Tagesdosen: Egrifta (2 mg), Egrifta SV (1,4 mg) und Egrifta WR (1,28 mg) [1]. Diese sind nicht untereinander austauschbar. Vor Therapiestart sollten IGF-1-Werte bestimmt und Hypophysentumoren ausgeschlossen werden [1].
Studien zeigen, dass der Effekt nach Absetzen von Tesamorelin reversibel ist - das viszerale Fett kehrt im Laufe der Zeit zurück. Eine kontinuierliche Anwendung wird daher empfohlen, solange der therapeutische Nutzen besteht [4].
Nebenwirkungen und häufige Fehler
Zu den häufigsten Nebenwirkungen zählen lokale Hautreaktionen wie Rötungen und Juckreiz an der Einstichstelle (in einer Studie 30,0 % vs. 24,1 % unter Placebo) sowie systemische Beschwerden wie Gelenkschmerzen (Myalgie, in einer Studie 10,8 % vs. 0 % unter Placebo) und Flüssigkeitsretention/Ödeme [4]. Weitere berichtete Nebenwirkungen umfassen Übelkeit, Müdigkeit und vorübergehende Erhöhungen des Blutzuckers.
Kontraindikationen umfassen aktive maligne Erkrankungen, Hypophysentumoren, Schwangerschaft und bekannte Überempfindlichkeit gegen Tesamorelin oder Mannitol [1].
Häufige Anwenderfehler sind das Nicht-Rotieren der Injektionsstelle, was zu verstärkten Hautreaktionen führen kann, sowie das Verwenden von BAC-Wasser statt des mitgelieferten sterilen Wassers (nur bei zugelassenem Produkt relevant). Weitere Hinweise zum sicheren Umgang findest du in den Anleitungen. Verwandte Wirkstoffe findest du in der Peptid-Bibliothek.
Zulassung und rechtlicher Status
Tesamorelin ist in den USA (FDA) seit November 2010 unter dem Handelsnamen Egrifta für die Behandlung der HIV-assoziierten Lipodystrophie bei Erwachsenen offiziell zugelassen [1][6]. 2018 folgte Egrifta SV als verbesserte Formulierung, und im März 2025 wurde Egrifta WR (Tesamorelin F8) als weitere Formulierung zugelassen, die eine wöchentliche Rekonstitution statt einer täglichen ermöglicht [7].
In der Europäischen Union (EMA) wurde der Zulassungsantrag 2012 vom Hersteller zurückgezogen. Tesamorelin ist dort nicht zugelassen. Die langfristige kardiovaskuläre Sicherheit ist laut FDA-Label noch nicht abschließend erwiesen [1].
Aktuelle Entwicklungen (2024-2026)
Die Forschung zu Tesamorelin ist aktiv. Eine 2025 veröffentlichte Studie untersuchte die Effekte auf neurokognitive Beeinträchtigungen bei HIV-Patienten mit abdominaler Adipositas - die kognitiven Verbesserungen unterschieden sich jedoch nicht signifikant zwischen Tesamorelin und Placebo [5].
Mehrere klinische Studien laufen derzeit: Die TRIUMPH-Studie (NCT06554717) prüft Tesamorelin in Kombination mit Bewegung zur Verbesserung der körperlichen Funktion bei HIV-Patienten, eine Phase-II-Studie (NCT07481734) untersucht die Reduktion von Leberfett bei Fettlebererkrankung, und eine Studie der Johns Hopkins University (NCT03150511) erforscht die Wirkung auf die Nervenregeneration nach peripheren Nervenverletzungen [8][9][10].
Eine neue Metaanalyse aus dem Jahr 2026 (fünf RCTs) bestätigte die Wirksamkeit und Sicherheit von Tesamorelin bei HIV-assoziierter Lipodystrophie mit signifikanten Verbesserungen der Körperzusammensetzung und des Leberfetts [2].
Evidenz im Überblick
Redaktionell aus Primärquellen belegt - keine ärztliche Beratung.
Verwandte Peptide
Quellen
- FDA Label Egrifta WR (2025) - Full Prescribing Information
- Badran AS et al. Body composition, hepatic fat, metabolic, and safety outcomes of Tesamorelin - A meta-analysis of RCTs. Obes Res Clin Pract 2026. PMID 41545261
- Efficacy and safety of tesamorelin in people with HIV on integrase inhibitors. AIDS 2024. PMID 38905488
- FDA Label Egrifta (2015) - Full Prescribing Information
- Ellis RJ et al. Effects of Tesamorelin on Neurocognitive Impairment in Persons With HIV and Abdominal Obesity. J Infect Dis 2025. PMID 39813152
- DailyMed - EGRIFTA SV (tesamorelin) for injection
- FDA Approves EGRIFTA WR (Tesamorelin F8) for HIV-Associated Lipodystrophy (2025)
- ClinicalTrials.gov - TRIUMPH: Tesamorelin as an Adjunct to Exercise for Improving Physical Function in HIV (NCT06554717)
- ClinicalTrials.gov - Tesamorelin for Reduction of Liver Fat in Adults With Fatty Liver Disease (NCT07481734)
- ClinicalTrials.gov - Tesamorelin to Improve Functional Outcomes After Peripheral Nerve Injury (NCT03150511)