Was ist Mazdutid?
Mazdutid ist ein neuer, verschreibungspflichtiger Wirkstoff, der einmal pro Woche unter die Haut gespritzt wird und bei starkem Übergewicht (Adipositas) sowie Typ-2-Diabetes eingesetzt werden soll. Er gehört zur Gruppe der sogenannten Peptid-Medikamente - also Medikamente, die aus kurzen Eiweiß-Bausteinen bestehen und ein körpereigenes Darmhormon (Oxyntomodulin) nachahmen. Dadurch aktiviert er gleichzeitig zwei Andockstellen des Körpers (den GLP-1- und den Glucagon-Rezeptor); man spricht deshalb auch von einem dualen Agonisten. Der Wirkstoff trägt die internen Entwicklungs-Codenamen IBI362 und LY3305677.
Für viele Patienten stellt sich die Frage, wie sich dieser neue Wirkstoff von den bekannten Marken-Wirkstoffen unterscheidet. Während Semaglutid nur den GLP-1-Rezeptor aktiviert und Tirzepatid die Rezeptoren für GLP-1 und GIP (ein weiteres Darmhormon) kombiniert, zielt Mazdutid auf die Kombination aus GLP-1 und Glucagon ab. Dieser glucagon-basierte Ansatz ist das Alleinstellungsmerkmal von Mazdutid und verspricht einen zusätzlichen Effekt auf den Energieverbrauch des Körpers. Entwickelt wurde der Wirkstoff ursprünglich von Eli Lilly; die Exklusivrechte für die weitere Entwicklung und Vermarktung in China wurden 2019 an Innovent Biologics einlizenziert.
Wie wirkt Mazdutid?
Mazdutid dockt als dualer Agonist gleichzeitig an den GLP-1-Rezeptor und den Glucagon-Rezeptor des menschlichen Körpers an. Diese kombinierte Aktivierung drosselt das Hungergefühl, verlangsamt die Magenentleerung und steigert gleichzeitig den Energieverbrauch sowie die Fettverbrennung in der Leber.
Die Wirkung beruht auf einer dualen Strategie, die zwei physiologische Pfade gleichzeitig nutzt. Durch die Aktivierung des GLP-1-Rezeptors wird die Insulinausschüttung nur dann angekurbelt, wenn der Blutzucker tatsächlich erhöht ist. Gleichzeitig signalisiert der Rezeptor dem Gehirn Sättigung und bremst die Magenentleerung, was für ein schnelleres Vollegefühl sorgt. Der zweite Andockpunkt, der Glucagon-Rezeptor (GCGR), regt den Grundumsatz an und fördert den Abbau von Fett in der Leber (Lipolyse). Um zu verhindern, dass das Peptid vom Körper zu schnell abgebaut wird, wurde es chemisch mit einer Fettsäure versehen (Acylierung). Dadurch verlängert sich die Halbwertszeit auf rund 6 bis 7 Tage, was die einmal wöchentliche Injektion ermöglicht.
Wie wirksam ist Mazdutid?
Die klinische Wirksamkeit von Mazdutid gilt als sehr hoch, wobei exakt dosierte Mengen in Studien zu signifikanten Gewichtsverlusten von über 20 Prozent führten. Neben der reinen Gewichtsreduktion verbesserte der Wirkstoff auch Blutzuckerwerte und kardiovaskuläre Risikomarker wie Blutdruck, Blutfette und Triglyzeride bei den Probanden.
In den hochrangigen Phase-3-Studien erreichten Teilnehmende beachtliche Ergebnisse, die teilweise mit den stärksten verfügbaren Adipositas-Medikamenten vergleichbar sind. Unter einer Dosis von 9 mg verloren Patienten mit Adipositas bis zu 20,1 % ihres Ausgangskörpergewichts. Bei Menschen mit Typ-2-Diabetes führte die Gabe von Mazdutid nicht nur zu einer signifikanten Senkung des Langzeitblutzuckerwerts (HbA1c), sondern zeitgleich zu einem starken Rückgang von Leberfett und Taillenumfang. Es ist jedoch wichtig zu betonen, dass diese beeindruckenden Ergebnisse fast ausschließlich an chinesischen Erwachsenen gemessen wurden; belastbare Daten für westliche Populationen fehlen bislang weitgehend.
| Wirkstoff | Klasse / Mechanismus | Maximale Effektstärke (Gewichtsverlust) | Status (EU/USA) |
|---|---|---|---|
| Semaglutid | Mono GLP-1-Rezeptor-Agonist | ca. 15 % | Zugelassen (Adipositas & T2D) |
| Tirzepatid | Dualer GLP-1 / GIP-Agonist | ca. 20-22,5 % | Zugelassen (Adipositas & T2D) |
| Mazdutid | Dualer GLP-1 / Glucagon-Agonist | bis zu 20,1 % | Studienphase, nicht zugelassen |
Das GLORY-Studienprogramm
Das GLORY-Studienprogramm umfasst mehrere Phase-3-Studien des Herstellers Innovent Biologics zur Untersuchung von Mazdutid bei Adipositas und Typ-2-Diabetes. In den Studien GLORY-1 und GLORY-2 erreichten Teilnehmende beachtliche Gewichtsverluste, wobei das Programm weitreichende metabolische Verbesserungen dokumentierte und die Sicherheit für die Zulassung belegen sollte.
Bisher haben über 1.500 Probanden in 17 verschiedenen klinischen Studien Mazdutid erhalten. Die Ergebnisse der Studie GLORY-1, die Dosen von 4 mg und 6 mg testete und nach 32 Wochen einen Gewichtsverlust von 10 bis 12,5 % zeigte, wurden in 'The Lancet Diabetes & Endocrinology' publiziert. In der Nachfolgestudie GLORY-2 erzielte eine höhere Dosis von 9 mg einen maximalen Gewichtsverlust von 20,1 %. Die Ergebnisse zu Typ-2-Diabetes aus dem DREAMS-Programm erschienen im Fachmagazin 'Nature Medicine'. Das Programm wird stetig erweitert und prüft den Wirkstoff nun auch für Jugendliche mit Adipositas, für eine bestimmte Form der Fettleber-Entzündung (Fachbegriff: metabolische Steatohepatitis, kurz MASH) sowie für eine besondere Form der Herzschwäche mit erhaltener Pumpfunktion (Fachbegriff: HFpEF).
Dosierung: was die Studien zeigen - und der Verlauf
In den klinischen Studien wurde Mazdutid als einmal wöchentliche Injektion unter die Haut verabreicht, wobei die Dosis schrittweise über ein festes Titrationsschema gesteigert wurde. Dieses schrittweise Aufdosieren dient primär dazu, den Magen-Darm-Trakt an den Wirkstoff zu gewöhnen und Nebenwirkungen zu minimieren.
Die Studienprotokolle beginnen in der Regel mit einer niedrigen Startdosis von 2 mg oder 3 mg, die über mehrere Wochen beibehalten wird, bevor auf die nächste Wirkstoffkonzentration erhöht wird. Da Mazdutid in Europa und den USA nicht zugelassen ist, gibt es keine offiziellen medizinischen Leitlinien für die Dosierung. Die folgenden Schemata spiegeln ausschließlich die Vorgehensweise in den klinischen Tests wider und sind keine ärztliche Anweisung.
| Phase / Zeitraum | Wöchentliche Dosis | Ziel / Hinweis |
|---|---|---|
| Startphase | 2 mg bis 3 mg | Studienvalidierter Beginn zur langsamen Gewöhnung des Magens. |
| Mittlere Phase | 4 mg bis 6 mg | Wirksame Standarddosis, primärer Endpunkt in GLORY-1. |
| Hochdosisphase | 9 mg bis 10 mg | Höchste in Phase-2/3 getestete Dosis (konservative Orientierung für Maximalergebnis). |
Handhabung & Lagerung
Mazdutid wird in der Regel als sterile Injektionslösung in Studienpens oder Durchstechflaschen geliefert und gekühlt gelagert, um die empfindliche Peptidstruktur vor dem Verfall zu schützen. Da der Wirkstoff in Europa und den USA nicht zugelassen ist, existieren keine regulären Fertigprodukte für Endverbraucher auf dem westlichen Markt.
Wie fast alle Peptid-Medikamente ist Mazdutid temperaturempfindlich. In einem klinischen Setting wird es im Kühlschrank bei etwa 2 bis 8 Grad Celsius aufbewahrt. Ein Einfrieren muss zwingend vermieden werden, da dies die Proteinstruktur zerstört. Da das Präparat aktuell außerhalb Chinas nicht als fertiger Pen käuflich ist, bestehen bei unrechtmäßig erworbenen Pulver- oder Forschungsversionen erhebliche Risiken bezüglich der korrekten und sterilen Rekonstitution (Anmischen).
Nebenwirkungen und häufige Fehler
Die häufigsten Nebenwirkungen von Mazdutid betreffen den Magen-Darm-Trakt und umfassen Übelkeit, Erbrechen und Durchfall, die insbesondere bei einer Erhöhung der Dosis auftreten. Eine Meta-Analyse zeigte im Vergleich zu Placebo ein signifikant erhöhtes relatives Risiko für diese Beschwerden, weshalb ein langsamer Einstieg wichtig ist.
Eine umfassende Analyse der Studiendaten zeigt, dass das Nebenwirkungsprofil dem anderer Inkretin-Mimetika stark ähnelt. Im direkten Vergleich zu Placebo erkrankten deutlich mehr Patienten unter Mazdutid an typischen Magenproblemen. Für Übelkeit wurde ein relatives Risiko (RR) von 4,22 berechnet, für Erbrechen lag es bei 4,91 und für verminderter Appetit bei 2,30. Auch Durchfall und Bauchschmerzen traten gehäuft auf. In der Hochdosis-Studie mit 9 mg wurde zudem eine leichte Zunahme der Herzfrequenz beobachtet. Im Gegensatz zu Placebo brachen in der 9-mg-Phase-2-Studie jedoch kaum Probanden die Behandlung wegen Nebenwirkungen ab.
- Dosis zu schnell erhöht: Ein häufiger Fehler ist das Überspringen der Titrationsschritte (z.B. direkter Start mit 6 mg). Das überfordert den Magen-Darm-Trakt und führt fast unweigerlich zu starkem Erbrechen.
- Ergebnisse 1:1 übertragen: Die beeindruckenden Studiendaten stammen fast ausschließlich von chinesischen Erwachsenen. Die Übertragbarkeit der Toleranz und exakten Dosierungen auf westliche Populationen ist durch die aktuellen Daten nicht belegt.
- Hygiene bei der Injektion vernachlässigt: Die wöchentliche subkutane Injektion erfordert strikt sterile Bedingungen, um schwere Haut- oder Gewebeinfektionen zu vermeiden.
Zulassung und rechtlicher Status
Mazdutid verfügt derzeit über eine Zulassung in China für die Behandlung von Adipositas und Typ-2-Diabetes, wurde jedoch noch nicht von der amerikanischen FDA oder der europäischen EMA zugelassen. Der rechtliche Status in westlichen Ländern verbietet daher aktuell einen regulären Vertrieb mit Medikamenten wie Semaglutid.
In China erfolgte die Zulassung durch die National Medical Products Administration (NMPA) im Jahr 2024 für Gewichtsmanagement und Typ-2-Diabetes. Für den europäischen und nordamerikanischen Raum befindet sich der Wirkstoff weiterhin in der klinischen Erprobung ohne gültige Marktzulassung. Der Kauf, Verkauf und die Anwendung von Mazdutid fallen in Europa somit nicht unter reguläre Apotheken-Richtlinien. Im schlimmsten Fall erwerben Anwender hier Forschungschemikalien (Research Chemicals) aus dem grauen Markt, deren Reinheit und Dosierung unsicher sind.
Evidenz im Überblick
Redaktionell aus Primärquellen belegt - keine ärztliche Beratung.
Verwandte Peptide
Quellen
- Ji L et al. Once-Weekly Mazdutide in Chinese Adults with Obesity or Overweight. N Engl J Med 2025.
- Gao L et al. Treatment With 9-mg Mazdutide for Weight Reduction in Chinese Adults With Obesity: The GLORY-2 Randomized Clinical Trial. JAMA 2026.
- Ji L et al. A phase 2 randomised controlled trial of mazdutide in Chinese overweight adults or adults with obesity. Nat Commun 2023.
- Jiang H et al. A phase 1b RCT of a GLP-1 and glucagon receptor dual agonist IBI362 (LY3305677) in Chinese patients with T2D. Nat Commun 2022.
- Xie Z et al. Seven GLP-1 receptor agonists and polyagonists for weight loss: a network meta-analysis. Metabolism 2024.
- Deng B et al. Safety and efficacy of GLP-1 and glucagon receptor dual agonist for T2D and obesity: a systematic review and meta-analysis. Endocrine 2024.
- Mazdutid - DocCheck Flexikon
- Safety and efficacy of a GLP-1 and glucagon receptor dual agonist mazdutide (IBI362) 9 mg and 10 mg in Chinese adults with overweight or obesity: A randomised, placebo-controlled, multiple-ascending-dose phase 1b trial
- Safety and efficacy of a GLP-1 and glucagon receptor dual agonist ...
- Mazdutide: An emerging glucagon/GCG-like peptide-1 dual receptor ...
- A phase 2 randomised controlled trial of mazdutide in Chinese overweight adults or adults with obesity
- Innovent Biologics, Inc. präsentiert die Ergebnisse der ersten Phase-3-Studie mit Mazdutid zur Gewichtskontrolle auf den 84. wissenschaftlichen Tagungen der ADA | MarketScreener Schweiz