DSIP ist ein winziges, körpereigenes Eiweiß-Molekül (ein sogenanntes Peptid), das im Gehirn vorkommt und seit den 1970er-Jahren als möglicher Schlaf- und Stressregulator erforscht wird. Die Abkürzung steht für 'Delta Sleep-Inducing Peptide', auf Deutsch etwa 'Delta-Schlaf-auslösendes Peptid'.
DSIP (Delta Sleep-Inducing Peptide) ist ein endogenes Nonapeptid, also ein kleines Eiweißmolekül aus genau 9 Aminosäuren, mit der Sequenz WAGGDASGE. Es wurde 1974 von der Baseler Arbeitsgruppe um Schoenenberger und Monnier aus dem zerebralen Venenblut schlafender Kaninchen isoliert. Es gilt als eines der frühesten 'Schlaf-Peptide' der Neuroforschung und wird bis heute vor allem für seine delta-schlaffördernde, stressregulierende und neuroprotektive Wirkung erforscht (also den Schutz von Nervenzellen im Gehirn).
Was ist DSIP biochemisch?
- 9 Aminosäuren, Molekulargewicht ca. 849 Da
- In vitro (also im Reagenzglas) sehr instabil: die Halbwertszeit beträgt nur etwa 15 Minuten, weil körpereigene Abbau-Enzyme (sogenannte Aminopeptidasen) das Peptid schnell zerlegen. Im Körper ist es vermutlich an Träger-Proteine (Carrier) gebunden, die es stabilisieren.
- Gen, Vorläuferprotein und spezifischer Rezeptor (die passende Andockstelle auf den Zellen) bisher nicht identifiziert
- Wird durch Glucocorticoide reguliert, das sind körpereigene Stresshormone wie Cortisol, und weist Ähnlichkeiten zu einem stressregulierenden Protein namens GILZ auf
Wie wirkt DSIP?
Im Gehirn wirkt DSIP offenbar beruhigend und steuert das Zusammenspiel von Schlaf und Stress.
Genauer greift es vermutlich an verschiedene Andockstellen auf Nervenzellen an: NMDA-Rezeptoren (bestimmte Erregungs-Dockstellen auf Nervenzellen) und α1-adrenerge Rezeptoren (Dockstellen, die auf Stresssignale reagieren). Außerdem greift es in den MAPK-Signalweg ein, eine zelluläre Signal-Kaskade, über die Zellen auf Reize reagieren. Dabei senkt es die basale Ausschüttung von Corticotropin (einem Stresshormon-Vorläufer) und beeinflusst die nächtliche Aktivität des Enzyms N-Acetyltransferase in der Zirbeldrüse (auch Pinealdrüse genannt, ein kleines Organ im Gehirn, das unter anderem das Schlafhormon Melatonin steuert). So koppelt DSIP den Schlaf-Wach-Rhythmus mit der Stressantwort.
Welche Effekte sind untersucht?
- Schlaf: Induziert im Tiermodell Spindel- und Delta-EEG-Aktivität, also langsame Hirnwellen im Tiefschlaf, ohne REM-Phasen zu unterdrücken
- Stress und Anpassung: Stressschützende, krampflösende (antikonvulsive) und das Immunsystem beeinflussende (immunmodulierende) Wirkungen in mehreren Nagetier-Studien
- Schlaganfall: Eine 2021er Rattenstudie (Tukhovskaya et al.) zeigt deutlich beschleunigte motorische Erholung nach einem umschriebenen Hirninfarkt (fokale Ischämie)
- Anästhesie: Beeinflusst den BIS-Index (ein Maß für die Narkosetiefe), das EEG und die Herzfrequenzvariabilität als Zusatz zum Narkosemittel Isofluran (Pomfrett 2009)
Was sagt die Studienlage beim Menschen?
Es gibt mehrere kleine, teils placebokontrollierte Studien (also Studien mit einem Scheinmedikament als Vergleich) aus den 1980er/90er Jahren (Schneider-Helmert, Monti, Bes), die vor allem bei Menschen mit chronischer Schlaflosigkeit (Insomnie) durchgeführt wurden. Die Ergebnisse sind gemischt: Manche Patienten zeigten eine bessere Schlafkontinuität, andere Studien fanden keinen klaren Effekt. Eine Zulassung durch die FDA (US-Behörde) oder EMA (europäische Behörde) für Schlafstörungen oder irgendeine andere Indikation existiert bis heute nicht. Das Peptid bleibt investigativ, das heißt: Es wird weiter erforscht, ist aber kein zugelassenes Medikament.
Wie wurde DSIP in den Studien dosiert?
In den Humanstudien wurden 25-50 nmol/kg als langsame intravenöse Infusion vor dem Schlafen eingesetzt. Für einen 70 kg schweren Erwachsenen entspricht das etwa 1,5-3 mg DSIP. Das ist eine rein informierende Angabe aus der Studienliteratur und keine Dosierungsanweisung. Jede Anwendung gehört in ärztliche Hand.
Wie passt DSIP zu anderen Peptiden?
DSIP wird thematisch oft in einem Atemzug mit CJC-1295 / Ipamorelin genannt, weil beide über den Schlaf-Wach-Rhythmus und die nächtliche GH-Ausschüttung (Ausschüttung von Wachstumshormon, das vor allem im Tiefschlaf pulsiert) wirken. Im weiteren Sinne gehört es zur Familie der Neuro-Peptide wie Selank und Semax, die ebenfalls Schlafqualität und Stressregulation adressieren.
Wichtige Hinweise
- Keine Zulassung durch die FDA (US-Behörde) oder EMA (europäische Behörde)
- Gen und Rezeptor unbekannt, der Wirkmechanismus ist teils hypothetisch
- Sehr kurze Halbwertszeit im Blut (Plasmahalbwertszeit - der Stoff wird sehr schnell abgebaut), in Studien meist als Infusion verabreicht
- Dieser Artikel ist Information, keine medizinische Beratung und keine Empfehlung zum Bezug oder zur Anwendung
Evidenz im Überblick
Redaktionell aus Primärquellen belegt - keine ärztliche Beratung.
Verwandte Peptide
Quellen
- Schneider-Helmert D et al. The influence of synthetic DSIP (delta-sleep-inducing-peptide) on disturbed human sleep. Experientia 1981. PMID 7028502; doi:10.1007/BF01971753
- Schneider-Helmert D et al. Acute and delayed effects of DSIP (delta sleep-inducing peptide) on human sleep behavior. Int J Clin Pharmacol Ther Toxicol 1981. PMID 6895513
- Schneider-Helmert D DSIP in insomnia. Eur Neurol 1984. PMID 6391925; doi:10.1159/000115714
- Späth-Schwalbe E et al. Delta-sleep-inducing peptide does not affect CRH and meal-induced ACTH and cortisol secretion. Psychoneuroendocrinology 1995. PMID 7777652; doi:10.1016/0306-4530(94)00050-k
- Backmund M et al. Opioid detoxification with delta sleep-inducing peptide: results of an open clinical trial. J Clin Psychopharmacol 1998. PMID 9617990; doi:10.1097/00004714-199806000-00016
- Monti JM et al. Study of delta sleep-inducing peptide efficacy in improving sleep on short-term administration to chronic insomniacs. Int J Clin Pharmacol Res 1987. PMID 3583493
- Bes F et al. Effects of delta sleep-inducing peptide on sleep of chronic insomniac patients. A double-blind study. Neuropsychobiology 1992. PMID 1299794; doi:10.1159/000118919