Thymalin ist ein Polypeptid-Komplex aus Kalbsthymus - also ein Gemisch kurzer Peptide (Eiweiß-Botenstoffe), die aus dem Thymus gewonnen werden. Der Thymus ist ein Organ hinter dem Brustbein und spielt eine zentrale Rolle bei der Immunreifung. Entwickelt wurde Thymalin 1971 von Vladimir Khavinson an der Militärmedizinischen Akademie in Leningrad (heute St. Petersburg). In Russland ist es seit 1982 als zugelassenes Arzneimittel auf dem Markt [1]. Anders als Thymosin Alpha-1 - ein einzelnes, exakt definiertes Peptid mit 28 Aminosäuren - besteht Thymalin aus einem ganzen Cocktail verschiedener kurzer Peptide. Zu den aktiven Fragmenten gehören die Dipeptide KE (Lys-Glu) und EW (Glu-Trp) sowie das Tripeptid EDP (Glu-Asp-Pro) [8].
Wie wird Thymalin angewendet?
Thymalin wird intramuskulär injiziert, also in den Muskel gespritzt. Das ist der Weg, der in allen klinischen Studien und im russischen Arzneimittellabel dokumentiert ist [2][6]. Das Lyophilisat (gefriergetrocknetes Pulver) wird vor der Injektion in 1-2 mL 0,9%iger Kochsalzlösung aufgelöst und sofort verabreicht. Die rekonstituierte Lösung darf nicht gelagert werden [6].
Im Graumarkt - also außerhalb russischer Apotheken, im internationalen Forschungschemikalien-Markt - wird Thymalin auch subkutan mit Insulinspritzen gespritzt. Für diesen Weg gibt es jedoch keine kontrollierten Studien. Alle publizierten Humandaten beziehen sich auf die intramuskuläre Gabe [7]. Es existiert keine oral, nasal oder sublingual wirksame Form mit belegter Effektivität.
Das typische Schema in Studien und im russischen Label: 5-10 mg pro Tag intramuskulär über 5-10 aufeinanderfolgende Tage, bei Bedarf Wiederholung nach 1-6 Monaten [2][6]. Im geroprotektiven (anti-aging) Kontext wird die Kur 1-2x jährlich wiederholt, teils in Kombination mit dem Epiphyse-Peptid Epithalamin [3].
Vom Vial zur Anwendung: Rekonstitution und Rechenweg
Thymalin wird typischerweise als 10 mg Lyophilisat pro Vial geliefert [6]. So rekonstituierst du es:
- Lösungsmittel: 1-2 mL 0,9%ige Kochsalzlösung (NaCl) - laut russischem Label bevorzugt über BAC-Wasser [6]
- Konzentration bei 1 mL: 10 mg/mL - eine 10 mg-Dosis entspricht dann 1,0 mL = 100 Einheiten auf einer U-100 Insulinspritze
- Konzentration bei 2 mL: 5 mg/mL - eine 5 mg-Dosis entspricht dann 1,0 mL = 100 Einheiten; eine 10 mg-Dosis entspricht 2,0 mL = 200 Einheiten (Achtung: das Volumen ist für eine subkutane Injektion ungewöhnlich hoch; klinisch wird i.m. gespritzt)
- Lagerung: Lyophilisat bei 2-8 °C; rekonstituierte Lösung sofort verwenden, nicht lagern [6]
Für das Anmischen und Berechnen der richtigen Dosis kannst du den Schritt-für-Schritt-Anleitungen folgen. Wenn du eine konkrete Dosis aus einem Vial berechnen möchtest, hilft der Injektions-Rechner - beachte aber, dass Thymalin klinisch intramuskulär verabreicht wird und die subkutane Graumarkt-Praxis keine kontrollierte Studienbasis hat.
| Schema | Dosis/Tag | Dauer | Route | Quelle |
|---|---|---|---|---|
| Russisches Label (Erwachsene) | 5-20 mg | 3-10 Tage (30-100 mg/Kur) | i.m. | [6] |
| COVID-19 RCT | 10 mg | 10 Tage | i.m. | [2] |
| Geroprotektiv (Anti-Aging) | 5-10 mg | 5-10 Tage, 1-2x/Jahr | i.m. | [3] |
| Graumarkt-Praxis | 5-10 mg | 5-10 Tage | s.c. (unbelegt) | [7] |
Wie wirkt Thymalin?
Thymalin wirkt als Immunmodulator - es reguliert das Immunsystem, ohne es einfach nur „anzukurbeln". Die kurzen Peptide in Thymalin (KE, EW, EDP) können spezifisch an doppelsträngige DNA und Histone binden. Histone sind Proteine, um die die DNA gewickelt ist. So steuert Thymalin die Genexpression [8]. Vereinfacht gesagt: Thymalin schaltet Gene an oder ab, die für die Produktion von Immunproteinen wichtig sind.
Konkret bewirkt Thymalin in Studien:
- T-Zell-Reifung: Vorläuferzellen entwickeln sich zu funktionstüchtigen T-Lymphozyten (CD28+), die CD4/CD8-Ratio normalisiert sich [4][8]
- NK-Zell-Aktivierung: Natürliche Killerzellen, die virusinfizierte und tumoröse Zellen erkennen, werden aktiver [2]
- Stammzelldifferenzierung: Hämatopoetische (blutbildende) Stammzellen werden zur Reifung angeregt [4]
- Entzündungsdämpfung: IL-6 und TNF-alpha (pro-entzündliche Botenstoffe) werden gesenkt - relevant z.B. beim sogenannten „Zytokinsturm" bei schwerem COVID-19 [2]
Ein besonderer Aspekt: Der Wirkstoff EW (Glu-Trp) hemmt zudem ACE2 - das Enzym, das SARS-CoV-2 als Eintrittspforte nutzt. Das erklärt, warum Thymalin gerade bei COVID-19 untersucht wurde [8].
Was ist in Humanstudien belegt?
Die Human-Evidenz für Thymalin konzentriert sich auf mehrere Bereiche:
COVID-19 (RCT, 2021): In einer randomisierten kontrollierten Studie erhielten 36 ältere Patienten mit schwerem COVID-19 zusätzlich zur Standardtherapie 10 mg Thymalin/Tag i.m. für 10 Tage. Verglichen wurden sie mit 44 Patienten, die nur Standardtherapie + Placebo erhielten. Die Thymalin-Gruppe zeigte schnellere Erholung der Lymphozyten, NK-Zellen und Entzündungsmarker (CRP, D-Dimer) - und die Krankenhausmortalität wurde etwa halbiert [2].
Lebensverlängerung (Langzeitstudie): Khavinson et al. untersuchten über 6-12 Jahre ältere Patienten, die jährliche Kuren mit Thymalin (allein oder kombiniert mit Epithalamin, einem Epiphyse-Peptid) erhielten. Die Mortalität wurde im Vergleich zur Kontrollgruppe um das 2,0-fache (Thymalin allein) bzw. 2,5-fache (Kombination) reduziert [3].
Stammzell-Aktivierung (2020): In vitro mit humanen hämatopoetischen Stammzellen konnte gezeigt werden, dass Thymalin deren Differenzierung aktiviert [4].
Frühe klinische Studien (ab 1982): Die Erstpublikation dokumentierte Immunmodulation bei verschiedenen Immunpathologien, einschließlich Patienten nach Strahlentherapie und mit chronischen Infektionen [1]. Weitere Studien untersuchten Thymalin bei therapieresistenter Schizophrenie [5], chronischer Hepatitis, Herpes und HIV (als Begleittherapie).
Thymalin vs. andere Thymus-Peptide - wo liegt der Unterschied?
Thymalin wird oft mit anderen Thymus-Peptiden verwechselt, ist aber strukturell und funktionell anders:
| Peptid | Struktur | Forschungsschwerpunkt | Zulassung |
|---|---|---|---|
| Thymalin | Multi-Peptid-Komplex (KE, EW, EDP u.a.) | Breite Immunregulation, Geroprotektion | Russland (seit 1982) |
| Thymosin Alpha-1 | Einzelnes Peptid (28 Aminosäuren) | Immunaktivierung, Hepatitis, COVID-19 | 30+ Länder (als Zadaxin) |
| Thymulin | Einzelnes Nonapeptid (Zink-abhängig) | Immunreifung, neuroendokrine Signalgebung | Keine Arzneimittelzulassung |
Der wesentliche Unterschied: Thymalin ist ein Gemisch aus mehreren kurzen Peptiden und wirkt dadurch breiter, aber auch weniger präzise definierbar als ein einzelnes Peptid wie Thymosin Alpha-1. Die Dosen der verschiedenen Thymus-Peptide sind nicht untereinander übertragbar.
Nebenwirkungen und Risiken
In den publizierten Studien werden folgende Nebenwirkungen berichtet:
- Lokale Reaktionen an der Injektionsstelle: Rötung, Schmerz, leichte Schwellung [2]
- Kontraindikationen laut russischem Label: Schwangerschaft, Stillzeit, individuelle Überempfindlichkeit gegen Thymus-Präparate [6]
Es gibt keine systematischen Langzeit-Sicherheitsdaten außerhalb der russischen Studien. Auch fehlen Daten zu Dosisanpassungen bei Nieren- oder Leberfunktionsstörungen [6]. Die subkutane Anwendung im Graumarkt hat keine kontrollierte Sicherheitsbewertung durchlaufen [7].
Was ist NICHT bekannt?
- Unabhängige Replikation: Fast alle Humanstudien stammen von Khavinson und Mitarbeitern am St. Petersburger Institut für Bioregulation und Gerontologie. Westliche, unabhängige Replikationsstudien fehlen.
- Keine FDA/EMA-Zulassung: Thymalin ist außerhalb Russlands und einzelner GUS-Staaten nicht als Arzneimittel zugelassen.
- Keine Pharmakokinetik: Da Thymalin ein Multi-Peptid-Gemisch ist, gibt es keine veröffentlichten Cmax/Tmax-Daten oder Halbwertszeiten für den Gesamtkomplex.
- Subkutane Anwendung unbelegt: Die im Graumarkt übliche s.c.-Gabe hat keine kontrollierte Studienbasis.
- Molekularer Mechanismus (DNA/Hisson-Bindung der Kurzpeptide) ist vorwiegend in vitro belegt; die Übertragung auf den lebenden Organismus ist nicht vollständig geklärt.
Wenn du dich für den Kauf von Peptiden im Graumarkt interessierst, lies unbedingt die Hinweise zum Schutz beim Bestellen, da Qualität, Reinheit und Echtheit von Graumarkt-Produkten nicht garantiert sind. Einen Überblick über weitere Wirkstoffe findest du in der Peptid-Bibliothek.
Evidenz im Überblick
Redaktionell aus Primärquellen belegt - keine ärztliche Beratung.
Verwandte Peptide
Quellen
- Khavinson VKh et al. Experimental and clinical study of a new immunoregulator preparation thymalin. Voen Med Zh 1982. PMID 7048731
- Kuznik BI, Khavinson V et al. Peptide Drug Thymalin Regulates Immune Status in Severe COVID-19 Older Patients. Adv Gerontol 2021. PMC8654498
- Khavinson VKh et al. Peptides of pineal gland and thymus prolong human life. Neuro Endocrinol Lett 2003. PMID 14523363
- Khavinson VK et al. Thymalin: Activation of Differentiation of Human Hematopoietic Stem Cells. Bull Exp Biol Med 2020. PMID 33237528
- Govorin NV et al. Use of thymic peptide thymalin in the complex treatment of therapy-resistant schizophrenia. Zh Nevropatol Psikhiatr 1990. PMID 2163147
- Thymalin Arzneimittellabel (Registrierung LS-000267, russisches Gesundheitsministerium). Dosierung und Anwendungshinweise.
- The Use of Thymalin for Immunocorrection and Molecular Aspects of Biological Activity. PMC8365293
- Khavinson VKh et al. The Influence of KE and EW Dipeptides in the Composition of the Thymalin Drug on Gene Expression. Int J Mol Sci 2023. doi:10.3390/ijms241713377